BuchcoverRobert Quintilla, Ein Gallier in Danubien. Erfahrungen eines Zwangsarbeiters unter dem NS-Regime (Wien 2006).

Der aus Frankreich stammende Verfasser hielt in einer schlichten Sprache seine lebensgeschichtlichen Erinnerungen an seine Zeit als Zwangsarbeiter in Ostösterreich fest. Während er versuchte sich dem Arbeitszwang und der Ausbeutung zu entziehen, beobachtete er mit wachen Augen seine Umgebung und liefert so eine neue Perspektive auf ein lange Zeit verdrängtes Kapitel der Geschichte.

Gut 50 Jahre nach seiner Zeit als Zwangsarbeiter hielt der Franzose Robert Quintilla seine Erlebnisse auf Papier fest. Ursprünglich war diese einfache Erzählung erlebter Geschichte seiner Familie und seinen Nachkommen zugedacht. Doch nachdem die Republik Österreich darangegangen war, die während der NS-Herrschaft auf ihrem Staatsgebiet eingesetzten Zwangsarbeiter und Zwangsarbeiterinnen zu entschädigen, erschloss sich diesen Aufzeichnungen ein neuer Leserkreis, der für die Veröffentlichung der Geschichte von Robert Quintilla in Österreich sorgte.

Es ist die Geschichte eines jungen Mannes, der von der kollaborierenden französischen Regierung an das Deutsche Reich ausgeliefert und so zu einem der geschätzten 80.000 bis 90.000 französischen Zwangsarbeitern auf dem Gebiet des heutigen Österreichs wurde. Seine erste Station war Strasshof, wo der Anblick hungernder Ostarbeiterkinder ihn sofort gemahnte, in welchen Verhältnissen er sich nun befand. Der Aufenthalt im Durchgangslager Strasshof war für ihn, wie für die meisten Zwangsarbeiter und Zwangsarbeiterinnen nur eine kurze Episode. Es folgte vom Sommer 1943 bis Kriegsende 1945 die Zuteilung zum Arbeitseinsatz, zuerst bei der Eisenbahn in St. Pölten, später in Hainfeld, dann in Wien und schließlich in Unter-Pullendorf, wo er gezwungen wurde, am Bau des sogenannten Südostwalls mitzuarbeiten. Quintilla war dabei ein aufgeweckter Beobachter der Verhältnisse und zugleich Zuhörer seiner Leidensgenossen, deren Geschichten sich ebenfalls in diesem Buch befinden. Aus der privilegierten Stellung französischer Zwangsarbeiter im rassistischen System der Nationalsozialisten wusste Quintilla seinen Nutzen zu ziehen. So verwendete er seine Freizeit, die er außerhalb geschlossener Lager verbringen durfte, um Kontakt mit Österreichern aufzunehmen, Waren am Schwarzmarkt zu handeln, örtliche Freibäder zu besuchen, den Schneeberg zu besteigen oder mit einem Trachtenhut als Einheimischer getarnt Bahnfahrten durch Österreich zu unternehmen.

Die Leichtigkeit der Erzählung sollte aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass viele Dinge für die Quintilla von Vorarbeitern, Bewachern, Polizei oder Gestapo nur abgemahnt wurde, in anderen Fällen zu Verhaftungen, Einweisungen in ein Konzentrationslager oder zu Todesurteilen der NS-Justiz geführt hatten. Quintilla selbst gelang nach einer wochenlangen Odyssee durch Osteuropa wieder glücklich nach Frankreich zurück, wo er diesen lesenswerten Zeitzeugenbericht verfasste.

(BB)

Kategorie: Rezensionen

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